Die heißeste Spieleplattform des Jahres ist Microsoft Excel

Selbst Indiespiele werden immer hardwarehungriger. Für die Nische der Office Games brauchen Spieler*innen nur ein PDF- oder ein Tabellenkalkulationsprogramm – und die Entwickler*innen einen langen Atem und hohe Frustrationstoleranz.

Die heißeste Spieleplattform des Jahres ist Microsoft Excel
Seit 2017 arbeitet Brad Baker an seinem Spiel Spreadsheet Gaming Golf. (Quelle: Spreadsheet Gaming)

Videospiele sind eine reine Freizeitbeschäftigung und haben am Arbeitsplatz nichts zu suchen. Wer in den 80er und 90er Jahren in der Mittagspause trotzdem eine Runde spielen will, muss darauf hoffen, dass die Entwickler*innen an einen "boss key" gedacht haben. Dieses Feature, das zum ersten Mal im Apple-II-Spiel Bezare auftaucht, zaubert Spieler*innen auf Tastendruck Screenshots von harmloser Bürosoftware auf den Bildschirm, wenn Vorgesetzte nach dem Rechten sehen wollen. Heute macht ein kleines Grüppchen Spieleentwickler*innen aus dieser Not eine Tugend und verknüpft auf den ersten Blick glanzlose Büroprogramme wie Microsoft Excel mit interaktiven Spielerlebnissen.

Mit der Programmiersprache Visual Basic und handgefertigten Makros werden nicht nur bekannte Titel wie Tetris oder 2048 nachgebaut, es entstehen auch eigene Spiele wie der Dungeon Crawler Arena.Xlsm oder die Golf-Simulation Spreadsheet Gaming Golf – und das obwohl manche der Macher*innen keinerlei Erfahrungen in der Gaming-Branche haben. "Mein professioneller Hintergrund beschränkt sich zum Beispiel auf das Erstellen von Dashboards, mit dem Angestellte von Unternehmen auf Daten wie Rentenleistungen zugreifen können", erklärt Brad Baker. Baker ist der Entwickler von besagtem Golfspiel und betreibt die dazugehörige Seite Spreadsheet Gaming. "Ich bin kein Entwickler oder Coder. Aber ich habe viele Ideen, die weit außerhalb meiner eigenen Fähigkeiten liegen."

Mit YouTube-Tutorials zum ersten Spiel

Diesen sympathischen Hobbyanspruch sieht man Bakers erstem Spiel an. Die Grafik ist rudimentär und beschränkt sich auf unterschiedliche Grün-, Gelb- und Blautöne in den Zellen, die ein Loch auf einem Golfkurs aus der Draufsicht zeigen. In einem selbsterklärenden Menü wählt man Schläger, Schlagrichtung und Stärke aus und bewegt dadurch den Ball, eine einfache weiße Zelle. Die Idee zum Spiel kommt Baker auf einer Urlaubsreise in Wisconsin kurz nach der Geburt seines zweiten Kindes. Während er in paar Bälle auf seinem Lieblingsgolfplatz schlägt, denkt er darüber nach, dass er jetzt keine Zeit mehr habe, vor die Tür zu gehen, und dass er etwas brauche, um sich zu beschäftigen. "Ich wollte schon immer Spiele entwickeln. Warum also nicht mit Excel anfangen?", sagt er. "Das Programm wird immerhin in allen möglichen Situationen genutzt."

Visual Basic an sich mag dröge sein, die Erkenntnisse, die Baker aus Tutorials wie diesen zieht, beflügeln trotzdem seine Fantasie. (Quelle: YouTube)

So einfach wie gedacht läuft das Projekt nicht an: "Ich wusste, wie es aussehen sollte, baute auf der Basis dieser Idee einen ersten Prototypen und hatte direkt Probleme, auch nur die einfachsten Formeln zum Funktionieren zu bringen." Baker konsultiert YouTube-Tutorials, in denen Programmier*innen erklären, wie sie bestimmte Makros und Funktionen mit Visual Basic bauen und bringt sich die Programmiersprache Stück für Stück selbst bei. Seit 2017 hat er nach eigener Aussage etwa 300 Stunden in das Spiel gesteckt, heruntergebrochen auf etwa 15 Stunden pro Woche. "Für Iterationen ging sehr viel Zeit drauf", erinnert er sich. "Manchmal steckst du hundert Stunden in einen Aspekt und merkst erst dann, dass du das Ganze nicht komplett durchdacht hast. Und dann verbringst du dutzende Stunden damit, deinen Fehler auszubügeln."

Diese Rückschläge sorgen dafür, dass er die Arbeit an Spreadsheet Gaming Golf vorerst eingestellt hat. Stattdessen arbeitet er gerade an einem Poker-Spiel und einer dazugehörigen KI, die er für weitere Spiele nutzen will – natürlich auch im XLSM-Format. Obwohl es einige Entwickler*innen gibt, die in Excel Spiele zusammenbauen, arbeitet Baker allein. "Ich bin nicht wirklich über eine große Community gestolpert. Aber ich hoffe, etwas ähnliches mit Spreadsheet Gaming aufzubauen", erklärt er. "Ich bin natürlich kein Experte, aber ich denke, dass ich jede Menge Probleme lösen konnte, die vielleicht andere auch haben, und dass ich gutes Feedback geben könnte." Eine große Zielgruppe für seine Spiele hat er zumindest schon mal: Bis Mitte 2021 hatten knapp 52 Millionen Nutzer*innen ein Microsoft-365-Abo inklusive Office abgeschlossen – mehr Kund*innen als in Microsofts Game Pass.

Das Seitenlimit als härtester Gegner

So viele Menschen dürfte Lucas Cimon mit seinem Spiel Undying Dusk nicht erreichen – alleine deshalb, weil der 200.000 PDF-Seiten umfassende Dungeon-Crawler dem Standard-PDF-Reader von Adobe zu viel abverlangt. Um den Titel spielen zu können, muss man sich erst das Open-Source-PDF-Programm Sumatra herunterladen. Dem Softwareentwickler aus Frankreich passt das aber ohnehin gut ins Konzept. "Wenn du in der Privatwirtschaft arbeitest, veröffentlichst du Programme, die irgendwann im Mülleimer landen", erklärt er. "Im Open-Source-Bereich kannst du damit Menschen nachhaltiger helfen."

Obwohl Cimon schon immer im Videospielsektor arbeiten will, bringt ihn die Erfahrung mit einem Praktikum, das er 2012 nach seinem Studium bei den Trackmania-Entwickler*innen von Nadeo in Paris absolviert, auf andere Ideen. "Es war mir persönlich etwas zu intensiv", erklärt er. "Ich bin ein großer Fan von Games, aber ich wollte sie nicht auf diese Art machen." Die Inspiration für sein PDF-Spiel holt er sich auf einer Konferenz über Tabletop-Spiele, in der auch das Thema Interaktivität von PDFs angesprochen wird. Da viele Quellenbücher für Rollenspiele, gerade von kleineren Projekten, nur noch digital erscheinen, bräuchte es mehr Innovation und neue Ideen, wie man das Format ansprechender gestalten kann.

Auf den ersten Blick sieht Undying Dusk aus wie ein klassischer Dungeon-Crawler. Dass hinter dem Projekt Python-Code und 200.000 Seiten PDF stecken, merkt man erst an den Ladezeiten beim Klicken. (Quelle: Undying Dusk)

Cimon, der auf seinem Blog Ludochaordic schon seit 2015 Gratis-Szenarios für Brett- und Tabletop-Rollenspiele veröffentlicht, nutzt seine Erfahrung als Python-Programmierer, um einen Prototypen auf Basis des Open-Source-Spiels Heroine Dusk zu bauen. Obwohl der Sumatra-PDF-Reader mächtiger ist als das weiter verbreitete Tool von Adobe, stößt der Entwickler auch damit schnell an seine Grenzen. "Das Spiel muss sehr linear sein, da jeder Zustand im Spiel einer Seite entspricht. Ich habe Sumatra ziemlich ausgereizt und hatte sehr mit dem Seitenlimit zu kämpfen", sagt er.

"Mechanik und Storytelling sind alles andere als exzellent"

Trotz dieser Probleme schafft es Cimon, sein Spiel innerhalb von einem Jahr fertigzustellen und im April 2021 zu veröffentlichen. Ganz so viel Zeit wie Baker hat er laut eigener Aussage nicht darauf verwendet. "Ich arbeite nicht regelmäßig an meinen Hobbyprojekten, ich habe manchmal Motivationsschübe, und manchmal war es hart, mich zum Arbeiten zu bringen, auch, weil ich alleine arbeite", sagt der Programmierer. "Manchmal habe ich ein Wochenende pro Monat an Undying Dusk gearbeitet, manchmal mehr." Mehr als einen Tag pro Woche habe er nicht in die Arbeit an seinem Spiel gesteckt, dafür aber eine eigene Python-Bibliothek gepflegt, die mittlerweile von zahlreichen anderen Projekten genutzt wird – aber von keinem anderen Spiel.

Auf seinem Blog Ludochaordic veröffentlicht Cimon interaktive Mathe-Puzzles und Gratis-Pen-and-Paper-Quellenmaterial. (Quelle: Ludochaordic)

Als Undying Dusk erscheint, springen nur wenige Menschen darauf an. Richtige Testberichte gibt es keine, PC Gamer ist es immerhin eine News wert. Für Cimon ist der Grund relativ klar: Das Spiel selbst ist nicht wirklich gut. "Vermutlich waren die meisten Leute eher vom technischen Aspekt begeistert, denn Mechanik und Storytelling sind alles andere als exzellent. Ich habe zwar eine Art Videospiel gemacht, aber der Prozess hat mich viel mehr fasziniert als das Ergebnis."

Excel- und PDF-Spiele bleiben Nischenerscheinungen

Der lauwarmen Rezeption zum Trotz will Cimon weiter an PDF-Spielen arbeiten. Sein nächstes Projekt, das er zusammen mit einem befreundeten Grafiker entwickeln will, heißt Under Tower und soll ein klassisches Point-and-Click-Adventure werden. Ähnlich wie Baker hofft auch Cimon, dass seine Arbeit andere Entwickler*innen inspiriert und arbeitet deswegen nicht nur weiter an seiner Python-Bibliothek, sondern hat auch den Quellcode für Undying Dusk zur freien Verfügung veröffentlicht.

Eines steht fest: Bei darauf ausgelegten Tools und Engines wie Unity oder der Unreal Engine mag der Einstieg schwierig sein, aber dafür sind die möglichen Probleme bereits gut dokumentiert und die Community deutlich größer. Wer Spiele in Excel oder als PDF veröffentlicht, ist hingegen oft auf sich allein gestellt. An eine kommerzielle Verwertung ist ohnehin nicht zu denken, und das ist auch gar nicht nötig. Baker baut sein Spiel, um sich beschäftigt zu halten, für Cimon ist sein Projekt eine Fingerübung auf dem Weg zu besseren interaktiven PDFs. Was beide vereint: Mit ihren Titeln verpassen sie dröger Bürosoftware eine frische Schicht Politur – und zeigen, dass Spieleentwicklung kein Game-Design-Studium, sondern manchmal nur eine gute Idee und etwas Sitzfleisch benötigt.

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