Supergiant Games haben sich in den letzten Jahren einen besonderen Ruf erarbeitet. Hades ist das vierte Spiel des US-amerikanischen Studios, ist seit 2018 im Early Access spielbar und feierte im letzten Herbst offiziellen Release. Seitdem gewann das Roguelike zahlreiche Preise, darunter bei den Game Awards 2020 in den Kategorien Indie und Action. Bei den 17th British Academy Games Awards im selben Jahr wurde Hades außerdem in der Kategorie "Narration" ausgezeichnet.

Durchaus denkbar, dass hier sowohl das Figurenensemble als auch die virtuose Darstellung durch die Synchronsprecher*innen eine ausschlaggebende Rolle spielten. Einer dieser Synchronsprecher*innen ist Andrew Marks. Er lieh seine Stimme sowohl dem blitzschnellen Götterboten Hermes als auch dem stoischen Sisyphos. Und er ist Impro-Theaterspieler. Auch. Im Interview berichtet er von den Aufnahmen für Hades, die Rollenarbeit für Hermes und Sisyphos und wie ihn seine Impro-Theater-Leidenschaft für die Herausforderung gewappnet hat, zwei so unterschiedliche NPCs zu vertonen.

Vom Marketing-Manager zum Synchronsprecher

Wenn Marks weder synchron spricht noch improvisiert Theater spielt, ist er als Product Marketing Manager bei Niantic unter anderem für Pokémon GO verantwortlich. Dort beschäftigt er sich auf die ein oder andere Weise damit, das Spielerlebnis in vielerlei Hinsicht zu verbessern: Sei es mit Marktrecherchen, Tests oder der engen Zusammenarbeit mit den Gamedesigner*innen selbst.

Seine Ausbildung allerdings hatte weder mit der Spieleentwicklung noch dem Marketing zu tun. Am Londoner Kings College studiert Marks drei Jahre nicht nur englische Literatur und szenisches Schreiben. Dort ruft er auch eine eigene Theater-Gruppe ins Leben. "Ich liebe das Programm und die Bandbreite an Angeboten", sagt er. "Aber es gab noch keine Impro-Gruppe – und ich dachte es sollte eine geben. Also habe ich eine gegründet."

Und so wie es unterschiedlichste Möglichkeiten gibt, Games zu spielen, so gibt es auch unterschiedlichste Weisen, Improvisationstheater zu spielen. Manche, so Marks, konzentrieren sich mehr auf Comedy. Für Manche ist es eine Möglichkeit, Sketche zu erarbeiten, einen Charakter zu entwickeln oder eine eingeprobte Darstellung zu vertiefen.

Die Theatererfahrung machte Andrew Marks zum Synchronsprecher. (Quelle: Andrew Marks)

Andrew Marks schreibt am Ende sogar seine Dissertation darüber: "Whose Stage is it Anyway? Structuring Spontaneity in Improvisational Theatre". Darin geht es um die komplexen Beziehungen, Verflechtungen zwischen Improvisation und Improvisationstheater, Formen, Genres im Zusammenspiel mit Vorstellungswelten – und wie all dies bei einer Impro-Theater-Performance zugleich verschmilzt und verschwindet. Das könnte auch eine Beschreibung für Games sein, oder?

Auch schon lange vor seinem Studium spielt Andrew Marks Theater. 2010 steht er bei einer Reunion Show seiner High School zusammen mit Darren Korb auf der Bühne. Korb arbeitet damals bereits mit Supergiant Games an der Musik für Bastion. Später ist er sowohl für die Musik als auch für die Stimme des Hades-Protagonisten Zagreus verantwortlich. Acht Jahre später, bei der Penny Arcade Expo in Boston  2018, begegnen sich die beiden zufällig wieder.

"Es war mehr ein: 'Hey, erinnerst du dich an mich? Wir haben da dieses eine Mal zusammen Impro-Theater gespielt'", erinnert sich Marks. "Und so kamen wir ins Plaudern, als Darren irgendwann meinte 'Oh Andrew, wir suchen gerade nach einem Schauspieler mit einem britischen Akzent. Lass uns das einfach ausprobieren, ob das passen könnte!'." So wurde Andrew Marks, nach diesem durch einen glücklichen Zufall ermöglichten Vorsprechen, schließlich für die Rollen des Hermes und Sisyphus in Hades besetzt.

Sämtliche Dialoge in Hades sind vertont – das ist nicht nur für ein Indiegame ungewöhnlich. (Quelle: Newsdome)

Vom Skript zur Rolle

Trotz seiner Theater-Erfahrung ist der Job als Games-Synchronsprecher für ihn eine Premiere. Doch vor jeder Premierenfeier gilt es erstmal einen Prozess zu bestreiten. Greg Kasavin, bei Supergiant Games für Design und Story verantwortlich, spielte bei diesem Prozess naheliegenderweise eine entscheidende Rolle irgendwo zwischen Regisseur und Drehbuchautor. "Der Weg, wie ein Charakter zum Leben erwacht, ist zunächst einmal so, dass ich von Greg eine Charakterbeschreibung bekam", erklärt Marks. "Was er mag, was nicht, erste Anhaltspunkt, von denen ausgehend ich damit beginnen kann den Charakter für mich zu interpretieren."

Was bei der Bühnen und Probenarbeit also ein Prozess des Ausprobierens, Verwerfens, bestehend sowohl aus Text- als auch aus Körperarbeit wäre, ist hier eine indirektere Form der Aushandlung und Annäherung an die Figur. Greg Kasavin gibt seine Regieanweisung indirekter, unterstützt den Prozess des Eintauchens in die Rolle anders. Zum Beispiel, indem er etwas mit seinen Darsteller*innen teilt – ein Geheimnis. Ein zentraler Subtext gewordener Kern der Figur.

"Es war wie ein geheimer Moment. Das was darunter liegt, unter dem, was der Charakter wirklich denkt. Etwas was dir als Schauspieler von Anfang an diese wunderbare Tiefe, und dieses herrliche Gefühl von 'Ich weiß was ich sage und warum ich es sage' gibt. Das sind die ersten Schritte." Würden wir uns auf einer Theaterbühne befinden, wären die nächsten Schritte: Proben. Spazieren gehen mit der Figur, die es zu verkörpern gilt. Ausprobieren, Anprobieren, Ver- und neu Entwerfen. Und schließlich: Der Premierenabend. Aber dieser Prozess findet nicht auf einer Bühne, sondern vor einem Mikrofon statt.

Fünfzig Takes in einer Minute

Aber obwohl Theater und Games das Spielen gemeinsam haben, und es in beiden Fällen diesen besonderen Moment gibt, in dem das künstlerische Produkt das erste Mal einem Publikum begegnet, gibt es eben doch fundamentale Unterschiede. So bekommt Andrew Marks das Skript beispielsweise erst wieder zu Gesicht, als es um die tatsächlichen Aufnahmen geht. Hier kommt ihm seine Erfahrung als Improtheaterspieler zu Gute, denn: "Da war nicht immer viel Zeit, um das Skript zu studieren, zu proben", erinnert er sich.

"Ich glaube nicht, dass ich sonst das Vertrauen oder die Fähigkeit gehabt hätte, mich so frei in der Stimme eines bestimmten Charakters zu bewegen, ohne vorher den Text studiert zu haben." Auch wenn der Aufnahmeprozess, pandemiebedingt, im Home-Office vonstatten geht, gibt es trotzdem eine Regie, die Marks ob seiner umsichtigen und klugen Hinweise sehr schätzt: Darren Korb.

Ein paar Zahlen machen den Arbeitsprozess der beiden etwas anschaulicher. Ein Take, also eine Zeile aufgenommener und später im Spiel zu hörender Dialog, dauert nur zwei, manchmal auch drei Sekunden. So entstehen 25 bis 50 Takes die Minute. Insgesamt dauert der Aufnahmeprozess für das Tonmaterial zu Marks beiden Rollen in Hades zehn Stunden, verteilt über insgesamt zwei Jahre. Auch, weil manchmal Monate zwischen den einzelnen Aufnahmen liegen.

Zwei Charaktere, die unterschiedlicher nicht sein könnten

Die harte Arbeit zahlt sich aus. Am Ende hat Andrew Marks zwei Charaktere mit Leben gefüllt, die unterschiedlicher nicht sein könnten, und die er beide auch aus ganz unterschiedlichen Gründen schätzt. "Ich liebe Hermes, weil er so lustig und verspielt ist”, sagt er über den Götterboten. "Und extrem selbstbezogen. Ich denke man kann sagen, dass er weiß, dass er der Schnellste ist. Ich glaube einige seiner Lieblingszeilen sind die, wenn er mal nicht der Schnellste ist und damit umgehen muss."

Ganz anders als Fan-Favorit Hermes präsentiert sich Sisyphus, der von Hades dafür bestraft wurde, dass er versuchte den Tod zu überlisten: So muss er nun tagein tagaus einen gewaltigen Felsen einen Hügel hinaufrollen, der oben angelangt sofort wieder herunterrollt. Im Spiel hat dieser Felsen einen Namen, Bouldy, und ist mehr Vertrauter als Leidensquell. "Ich glaube, dass nicht viele Leute, wenn sie an Sisyphus denken, einen netten, fröhlichen Typen erwarten, der dich jedes Mal, wenn er dich sieht, in der Unterwelt willkommen heißt. Und gleichzeitig ist da eine gewisse Ruhe, eine beruhigende Ausstrahlung", sagt Marks.

"Mir hat es wirklich Freude gemacht, mich genau damit zu beschäftigen, das rüberzubringen." Die grafische Umsetzung der Figuren denen Andrew Marks seine Stimme lieh, bekam er erst nach Abschluss der Aufnahmen zu Gesicht. Bis dahin entsteht das Bild dieser beiden Figuren nur in seinem Kopf.

"Spiele sind Opern aus Brücken"

Seine Zeit mit dem Team von Hades möchte Andrew Marks nicht missen, auch wenn er hauptberuflich Niantic treu bleibt. "Für mich war es eine unglaubliche Erfahrung, ein kleiner Teil dieses Spiel zu sein." sagt er. "Spiele zu machen, ist wie Opern aus Brücken zu bauen. Weil sie nicht nur diese große künstlerische Form der Erzählung bedürfen, sondern auch unglaubliche technische Fähigkeiten, um das umzusetzen."

Dieser poetisch verschlungene Gedanke mit den Brücken und den Opern stammt von Frank Lantz, dem Direktor des New York University Game Center. Das ganze Zitat stammt aus einem Vortrag bei der Game Developers Conference im Jahr 2014 lautet: "Spiele zu machen verbindet alles, was schwierig am Bau von Brücken ist, mit allem, was schwierig am Komponieren einer Oper ist. Spiele sind Opern, aus Brücken."

Wie passend, beschreibt dieses Bild doch einen durch und durch theatralen Vorgang. Kein Wunder also, dass Andrew Marks, sowohl in der Theater- als auch in der Gamesbranche zuhause, dieses Bild wählt, um seine Erfahrung als Synchronsprecher zu beschreiben: Eine Tätigkeit, die ebenso mit dem Theater und mit Games verbunden ist, wie auch er selbst.


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