Vancouver ist nicht nur eine der größten Städte Kanadas, sondern auch eine der teuersten. Vor allem die Miet- und Immobilienpreise sind hoch. Nicht nur, weil das Bauland in der zwischen zwei Gewässern gelegenen Region knapp ist, sondern auch weil zahlreiche Start-up-Gründungen die Gentrifizierung zusätzlich beschleunigen. „Gentrifizierung“ – das Wort beschreibt die Verdrängung alteingesessener Bewohner*innen durch steigende Lebenshaltungskosten.

Einer dieser Alteingesessenen ist Dune Casu, der Entwickler von Art of Rally. Aber statt umzuziehen, machte er seinen Arbeitsplatz mobil. 2015 veröffentlichte er mit Absolute Drift sein erstes Spiel, entwickelt im Alleingang. Das minimalistische Rennspiel war kein großer Hit, aber verkaufte sich gut genug, so dass Casu sein nächstes Projekt angehen konnte. „Seitdem arbeite ich in Vollzeit als Spieleentwickler“ erzählt er. "Aber ich habe in einem Van gelebt und deshalb keine Miete bezahlen müssen.“

Lieferwagen statt Eigenheim

Casu ist nicht der Einzige, der in Vancouver Spiele produziert. Indiefirmen wie Klei Entertainment (Don’t Starve) oder Hinterland Games (The Long Dark) sind hier genauso angesiedelt wie The Coalition, das Studio hinter dem aktuellen Gears of War. Ein einigermaßen erfolgreiches Indiespiel wie Absolute Drift ist noch nicht genug, um zwischen diesen erfolgreichen Spielestudios auf eigenen Beinen zu stehen. Während der Entwicklung von Absolute Drift wohnte und arbeitete Casu noch im Keller bei seinen Eltern.

Statt einem eigenen Haus kaufte er sich von dessen ersten Umsätzen einen Ford Transit. „Es war nur der nackte Liefervan mit blanken Metallwänden“, erinnert sich Casu. „Um daraus einen Camper zu machen, musste ich Böden einbauen und die Wände isolieren.“ Der Umbau wird schnell zu einem größeren Projekt. Am Ende verfügt der Van sogar über eine Solaranlage und Batterien die ausreichen, um einen Arbeitsplatz mit Computer und Monitor zu betreiben. An dem wird später sein nächstes Spiel Art of Rally entstehen.

Der umgebaute Van wurde für Dune Casu zum mobilen Arbeitsplatz.

„Ich kann mit dem Van solange an einem Ort bleiben, bis ich kein Essen mehr habe“, berichtet er, durchaus etwas stolz. „Das ist ziemlich entspannt.“ Casu nutzte die Freiheit, die ihm der Wagen ermöglichte, voll aus und reiste immer wieder über die nahegelegene Grenze in die USA. Sein längster Ausflug quer durch die Vereinigten Staaten bis nach Mexiko dauert ganze acht Monate, bevor er wieder zu seinem Elternhaus nach Vancouver zurückkehrt.

„Alles, was passiert, liegt an dir“

Die Liebe zum Auto war bei Casu schon immer vorhanden. Eigentlich wollte er selbst Motorsport ausprobieren, hatte aber nie genug Geld, um sich dieses teure Hobby leisten zu können. Der Van ist sein erstes eigenes Auto. „Dafür fahre ich seit 17 Jahren Mountainbike“, erzählt er, „weil es viel billiger ist.“ Wenn Casu den Adrenalinkick des Rennsports nicht durch zwei Räder ersetzt, spielt er Rennspiele.

Auch dort zieht es ihn in Spielen wie Dirt Rally 2 raus in die Natur. Dass der Nachfolger von Absolute Drift ein Rallyspiel werden würde, stand für Casu daher schon früh fest: „Wenn du erst Dirt Rally spielst, und danach Art of Rally, wirst du viele Dinge wiedererkennen.“ Eine Behauptung, die zunächst verwundert – während Dirt Rally eine knallharte Simulation ist, präsentiert sich Art of Rally als Zen-Spiel. Das Intro wird von einer goldenen Buddha-Statue moderiert. Für seinen Entwickler ist Art of Rally trotz des extrem nervenaufreibenden Rennsports, der dem Spiel zugrunde liegt, eine eher entspannende Erfahrung.

„In meinem Spiel brauchst du keinen Beifahrer, der die nächste Kurve ansagt“, sagt er. Die Rally ist für Casu etwas Besonderes. Statt im Kreis fährt man von einem Punkt zum anderen, statt auf spezielle Rennstrecken geht es über normale Landstraßen und statt mit anderen Fahrer*innen misst man sich einzig an seiner eigenen Bestleistung. „Es kommt nur auf dich und deine Fähigkeiten an“, sagt Casu. „Es gibt keine anderen Autos, die dich beeinflussen können. Also liegt alles, was passiert, an dir allein.“

Auf der Suche nach einem offenen WLAN

Der mobile, aber improvisierte Arbeitsplatz im Van machte die Entwicklung von Art of Rally nicht gerade einfacher. „Wenn du einfach so herumfährst weißt du nie, wo du nachts schlafen wirst. Und du weißt nie, wo du ein offenes WLAN finden wirst.“ Wie er sein Smartphone zur Verbindung an seinem Computer benutzt, hat Casu erst letztes Jahr herausgefunden, gesteht er lachend ein.

„Zurückblickend war es ziemlich dumm, kein Backup gehabt zu haben“, sagt Casu und lacht. Das feuchte und trockene Klima an den Zwischenstationen seiner Trips hätte für seinen Laptop zum Problem werden können. Aber die Entwicklung von Art of Rally hatte, anders als sein Van, glücklicherweise keine Pannen.

Den Entstehungsprozess sieht man dem Endergebnis an. Art of Rally ist nicht nur eine Zeitreise durch verschiedene Phasen des Rallysports, sondern auch ein Trip um die Welt. Viele der Orte sind dabei direkt von Casus eigenen Reisen inspiriert. Die Strecken in Italien etwa sind eine Hommage an die Heimat seines Vaters, die italienische Insel Sardinien.

„Ich musste lernen, wie ein Baum aussieht“

Das Reisen half ihm auch dabei, bessere Umgebungen zu bauen. „Ich musste lernen, wie ein Baum aussieht, wie die Farben aussehen“, beschreibt er seinen Lernprozess und lacht. Die Natur, durch die man im Spiel brettert, ist an vielen Stellen eine Mischung aus den Eindrücken, die er auf seinen Roadtrips gesammelt hat.

In vielen der Länder aus seinem Spiel war Casu noch nicht selbst. Die Strecken in Japan basieren auf Bildern aus dem Internet. „Dieses Jahr sollten wir zum Bitsummit in Kyōto, aber dann kam Covid dazwischen“, so der Entwickler. Spielemessen und Konferenzen waren für ihn bisher ein Anlass, auch ohne seinen Van zu verreisen. Die Pandemie durchkreuzte diese Pläne.

Codemasters Dirt-Rally-Serie ist realistisch genug, dass sich selbst eine echte Rennfahrerin nicht langweilen muss.

Auf einem Trip durch Neuseeland eröffnete sich für Casu vor einigen Jahren dann doch die Chance, in einer Rallyschule seinem Kindheitstraum zumindest für einen Nachmittag näher zu kommen. Statt mit einem Crashkurs anzufangen, ging es direkt auf eine von Bäumen gesäumte Rennstrecke. „Du fährst schneller und schneller und schneller“, erzählt er. „Hätte ich einen Fehler gemacht, hätte ich einen riesigen Unfall gebaut. Es fühlte sich an, als wärst du in einer Prügelei. Da setzt dein Überlebensinstinkt ein.“

Vom Van in die eigenen vier Wände

Inzwischen ist sein Leben etwas zur Ruhe gekommen. Während des Interviews sitzt Casu bereits zwischen Umzugskartons. „Wir haben gerade ein kleines Haus gekauft“, erzählt er. „Aber es ist in einer kleinen Bergstadt außerhalb von Vancouver, wo Immobilien viel billiger sind.“ Das Haus wird für ihn eine neue Heimatbasis sein, von der aus er arbeiten und Reisen planen will.

Dass Absolute Drift sich gut genug verkauft hat, um ihm den bescheidenen, aber ungewöhnlichen Lebensstil der letzten fünf Jahre zu finanzieren, ist für Casu dennoch ein Privileg. Erst gegen Ende der Entwicklung von Art of Rally vergrößerte sich das Team. Mit stabilem WLAN und mehr Unterstützung wird sein nächstes Rennspiel wohl nicht so viel Zeit benötigen.

Den Ford Transit will er nicht aufgeben. „Ein erfolgreiches Spiel zu machen ist das eine, aber im Van zu sein ist noch immer meine liebste Sache.“ Die Corona-Krise verhindert zwar vorerst, dass er zurück nach Mexiko kann, wie es für den Winter geplant war. Casus drittes Spiel, für das er auch schon eine Idee hat, wird er erst einmal also nicht unterwegs, sondern in festen vier Wänden machen. Immerhin die sind die inzwischen auch seine eigenen.