Wenn es nicht um Produkttests, Verkaufsrekorde oder den Einsatz neuer Technologien in Videospielen geht, ist positive Berichterstattung über AAA-Studios rar. Das hat gute Gründe. Ob dutzende Anschuldigungen wegen sexueller Belästigung bei Ubisoft oder Berichte über monatelangen Crunch bei CD Projekt Red: Das Arbeitsklima in den großen Spielefirmen scheint vielerorts vergiftet zu sein. Auch Riot Games, die Firma hinter League Of Legends, erntete im Mai 2019 Kritik, als sich Angestellte mit einem Streik gegen ein verpflichtendes Schiedsverfahren bei Belästigungsvorwürfen wehrten.

Genau diese Firma scheint ihr Image jetzt mit handfesten Taten aufpolieren zu wollen. Als Reaktion auf die "Black Lives Matter"-Proteste nach dem Mord an George Floyd ruft Riot Games im September 2020 das Underrepresented Founders Program ins Leben. Damit sollen junge Spielestudios mit marginalisierter Belegschaft durch Netzwerkmöglichkeiten, Mentorenschaften und Finanzspritzen sichtbarer gemacht werden. Der erste offizielle Partner ist Twin Drums, ein kleines Indie-Studio aus Berlin.

Afrikanische Geschichten zwischen Black Panther und "Serious Game"

Das Team arbeitet mit The Wagadu Chronicles an einer Afrofantasy-Rollenspielwelt. Ein kostenloses Pen-&-Paper-Quellenbuch ist bereits erschienen, ein Onlinerollenspiel soll 2022 folgen. Mit der klaren thematischen Ausrichtung bedient das Spiel eine Nische – zumindest auf den ersten Blick.

"Ich denke, dass Geschichten, die wie The Wagadu Chronicles auf afrikanischer Mythologie basieren, viele Leute erreichen können", widerspricht Twin-Drums-Gründer und Game Designer Allan Cudicio. "Nehmen wir Black Panther, einen Film, an dem viele Leute gezweifelt haben, weil er so auf Schwarze Themen fokussiert ist. Und jetzt ist er einer der erfolgreichsten Superheld*innen-Filme überhaupt."

Die Entscheidung, sein Rollenspiel nicht im gängigen, vom europäischen Mittelalter geprägten Fantasy-Setting anzusiedeln, ist für Cudicio als Afroeuropäer mit ghanaisch-italienischen Wurzeln auch eine persönliche. Der Tolkien-Fan stört sich an der klischeehaften Darstellung von Menschen mit dunkler Haut als böse, obwohl er Herr der Ringe und dessen unbewussten Rassismus als Produkt seiner Zeit einordnet.

Als er 2013 von Italien nach Berlin zieht, beginnt Cudicio in der Spieleindustrie selbst, Fantasiewelten mitzugestalten. Erst ist er als externer Berater tätig, nach einer Zusatzausbildung als Game Designer dann auch beim Candy-Crush-Entwickler King und bei Wooga. Sich selbst sieht er zu dieser Zeit in der Branche nicht wirklich repräsentiert und wenn, dann wie bei Tolkien nur in Form von Klischees.

Das erlebt Cudicio auch bei der Teilnahme an einem Game Jam in Berlin, die zu einem symbolischen Startschuss für Twin Drums wird. Im Brainstorming mit seiner Gruppe schlägt er vor, ein Spiel über ein Mädchen in einem Slum einer Stadt auf dem afrikanischen Kontinent zu entwerfen. Die anderen Teilnehmer*innen sind skeptisch. Cudicios Idee könne für sie nur in einem "Serious Game" oder einem traurigen Spiel resultieren.

"Das Bild von Afrika ist auch in der Spielebranche vorurteilsbehaftet. Natürlich gibt es auch Menschen aus Slums, die an die Uni gehen und ein glückliches Leben führen", erzählt Cudicio. "Nach den Reaktionen auf meine Idee wusste ich, dass ich an Spielen arbeiten will, die ein anderes Bild von Afrika zeichnen. Als jemand, der in Afrika gelebt hat und in einem afrikanischen Haushalt aufgewachsen ist, weiß ich, dass diese Klischees nicht die ganze Geschichte erzählen."

The Wagadu Chronicles soll ein echtes Rollenspiel werden

Im Januar 2019 gründet Cudicio Twin Drums und beginnt mit der Arbeit an The Wagadu Chronicles. Er startet komplett allein, holt sich allerdings immer wieder Hilfe von außen. Anfang 2020 zieht er in die Räumlichkeiten des Berliner Saftladen Kollektivs. Dort baut er sein Netzwerk aus und koordiniert sein Team, das häufig fluktuiert und zur Hälfte aus dem Home Office tätig ist.

Heute umfasst Twin Drums zehn Personen, die in Deutschland, England und den USA arbeiten. Seine Inspiration zieht Cudicio nicht nur aus seiner eigenen Lebensgeschichte und seiner Liebe zu Pen-&-Paper-Rollenspielen, sondern auch aus seiner langjährigen unbezahlten Arbeit an einem italienischen Ultima-Online-Fanserver.

Das 1997 gestartete Ultima Online ist eines der dienstältesten Multiplayer-Rollenspiele. Es legt seinen Fokus nicht auf die actionreiche Jagd nach Erfahrungspunkten, sondern ganz altmodisch auf das tatsächliche Rollenspiel. Statt sich lediglich um steigende Charakter-Attribute und die beste Ausrüstung zu kümmern, nehmen Spieler*innen eine Rolle ein. Sie werden zu Handwerker*innen, Händler*innen oder Söldner*innen und nutzen die vorgegebene Spielwelt, um ihre eigenen Geschichten zu erzählen.

So wie Ultima Online ein Stück weit mit MMORPG-Klischees bricht, verwirft auch The Wagadu Chronicles einige Rollenspielstandards. Allein das Afrofantasy-Setting ist Neuland für Rollenspiele. Statt nordischer Sagen oder einem fiktionalisierten Mittelalter basieren die Mythen, die Magie, die Hintergründe der Spielwelt auf afrikanischen Kulturen und ihren Erzählungen. Dieser Fokus wird auch an anderer Stelle deutlich.

Zum Beispiel werden die problematischen, für Fantasy typischen "Rassen" wie Elf und Ork durch verschiedene Abstammungen mit überlappenden Bräuchen und Eigenschaften ersetzt. Spieler*innen definieren sich nicht über eine Charakterklasse, sondern über ihre Geschichten. Klassische Rollenspielelemente soll es trotzdem geben. "Du wirst auch kämpfen und craften können", so Cudicio. "Allerdings bekommst du dafür nicht mehr Erfahrungspunkte."

Wer mehr spielt, kann zwar mehr Geld verdienen, da der Handel mit Gegenständen nur unter den Spieler*innen selbst stattfindet. Sonst bringe das aber keine Vorteile. Was hingegen belohnt werden soll: Gutes Rollenspiel. Damit sich auch Anfänger*innen willkommen fühlen, sollen Spieler*innen bei Bedarf schrittweise mit Rollenspiel-Etikette vertraut gemacht werden.

Das ungenutzte Potenzial der Afrofantasy

Anders als The Wagadu Chronicles setzt Riot Games mit League Of Legends auf Statistiken und Zahlen. Trotzdem hat das ambitionierte Indie-Projekt das Interesse des Branchenriesen geweckt. Zu den Details der Partnerschaft hält sich Cudicio bedeckt. Für das Underrepresented Founders Program hat er sich mit The Wagadu Chronicles bei Riot Games beworben. Ein klassischer Publisher-Deal sei die Parnterschaft aber nicht, das AAA-Studio steuere lediglich "finanzielle und logistische" Unterstützung bei. Genaue Zahlen zur Höhe dieser Unterstützung nennt Cudicio auf Nachfrage nicht.

Allan Cudicio arbeitet bereits seit 2013 in der Spielebranche. The Wagadu Chronicles ist sein erstes eigenes Projekt.

So hinterlässt die Partnerschaft einen leichten Beigeschmack von PR, vor allem weil auch Riot Games keine konkreten Fakten und Zahlen nennt. Die Ziele des mit 10 Millionen US-Dollar finanzierten Underrepresented Founders Program sind unklar definiert. Auf der anderen Seite seien viele oberflächliche Hilfsangebote verpufft, die lediglich auf gute PR abgezielt hätten, während Riot den Worten tatsächlich Taten folgen lässt.

Cudicio ist klar, dass auch das gesellschaftliche Klima einen Teil zu dieser ungewöhnlichen Partnerschaft beiträgt. "Die Debatten um die tragischen Ereignisse rund um George Floyds Ermordung waren definitiv ein Auslöser für mehr Aufmerksamkeit", sagt der Twin-Drums-Chef. "Hätte ich Riot Games davor kontaktiert, hätte ich vermutlich nie eine Antwort erhalten", sagt er. "Wir hätten nie festgestellt, wie gut wir zusammenpassen." Auch Cudicios eigenes Bedürfnis, sich stärker mit Schwarzen Entwickler*innen auf der ganzen Welt zu vernetzen und sich gegenseitig zu unterstützen, hätte es ohne die "Black Lives Matter"-Proteste vielleicht nicht gegeben.

Knapp einen Monat nach der offiziellen Ankündigung des Underrepresented Founders Program macht Riot Games die Zusammenarbeit mit Twin Drums unter anderem via Twitter öffentlich.

Die Ankündigung einer Zusammenarbeit mit Riot Games brachte The Wagadu Chronicles selbst viel Aufmerksamkeit – nicht nur positive. "Natürlich wird es auch Spieler*innen geben, die The Wagadu Chronicles eine politische Agenda unterstellen", sagt Cudicio. "Wer das denkt, ohne sich mit dem Spiel auseinanderzusetzen, der tut mir leid. Denn diese Leute denken einfach rassistisch."

Diese Reaktion zeigt auch, wie sehr ein Spiel wie The Wagadu Chronicles in dem von westlichen, weißen Fantasywelten geprägten Genre heraussticht. "Wenn andere Entwickler*innen Ideen aus meinem Spiel kopieren und dadurch für mehr Repräsentation sorgen, würde mich das total glücklich machen", sagt Cudicio. Einen Teil zu dieser Entwicklung beizutragen ist ihm wichtiger als kommerzieller Erfolg. "Ich hoffe, dass wir in fünf Jahren mehr Spiele mit Afrofuturismus- oder Afrofantasy-Settings und mehr echte Rollenspiele sehen werden", erklärt er. "Da gibt es noch viel ungenutztes Potenzial."