Die Spielebranche braucht weniger Regenbogenfarben und mehr Systemveränderung

Im Queer Pride Month zeigen Unternehmen gerne Flagge. Aber wie setzt sich die deutsche Gamesbranche an den restlichen elf Monaten für queere Menschen und andere Marginalisierte ein?

Die Spielebranche braucht weniger Regenbogenfarben und mehr Systemveränderung
Photo by James A. Molnar / Unsplash

Seit einigen Jahren gehört es zum guten Ton, beim internationalen Queer Pride Monat im Juni öffentlichkeitswirksam seine Unterstützung für queere Menschen zu zeigen. Unternehmen, politische Parteien, Medienhäuser, Kultureinrichtungen – alle malen Logos und Werbebanner in Regenbogenfarben an. Auch die Gamesbranche macht mit, auch in Deutschland. Schließlich sind mindestens zehn Prozent aller Gamer*innen Teil der LGBTQIA+ Community und damit potentielle Wähler*innen, Kund*innen oder Besucher*innen.

Aus queeren Kreisen selbst wird das allzu prominente Flagge zeigen jedoch oft kritisiert: Es handle sich lediglich um Lippenbekenntnisse, leere Symbolpolitik oder schlichtweg Marketingstrategien. Kaum wechselt der 30. Juni auf den 1. Juli verschwinden die Regenbogenfarben vielerorts wieder von den Websiten. Noch wichtiger ist also, wie sich Unternehmen und Verbände außerhalb der bunten Logos für Diversität einsetzen.

Der game e.V. will Diversität fördern

Als wichtigste Dachorganisation der deutschen Spielebranche spielt der game eine zentrale Rolle bei vielen Kooperationen und Initiativen. Der Verband hat den Selbstanspruch, sich dafür einzusetzen, dass Gaming in Deutschland frei von Vorurteilen und Diskriminierung ist. Um das nach außen zu tragen hat er Ende 2019 die Kampagne "Hier spielt Vielfalt" ins Leben gerufen.

Mehrere hundert Unternehmen und Einzelpersonen aus der deutschen Gamesbranche, darunter Ubisoft Blue Byte, der E-Sport-Bund ESBD und GameStar-Herausgeber Webedia, haben diese unterzeichnet und bekennen sich damit öffentlich zu den acht Aktionspunkten, die für mehr Vielfalt sorgen sollen. Bei der Selbstverpflichtung geht es um handfeste Bereiche wie Personalpolitik, aber auch um die stereotypenfreie Repräsentation in den eigenen Games. Die Webseite verspricht, man werde "alle Dimensionen von Diversität in unseren Spielen, Teams, Publikationen und Gremien sowie bei unseren Veranstaltungen bewusst berücksichtigen und als Vorbilder stärken."

Als Handreichung hat der game e.V. selbst einen "Diversity Guide" herausgegeben. Neben Tipps, wie deutsche Unternehmen in der Spielebranche vielfältigere Teams bekommen und Stereotype vermeiden können, nennt der Guide auch Best-Practice-Beispiele aus der Industrie. Auf eine Anfrage zur konkreten Umsetzung der Selbstverpflichtung von "Hier spielt Vieltfalt" antworteten einige der kontaktierten Unternehmen allerdings nicht.

Von der Theorie in die Praxis mit Kolibri Games

Auch Kolibri Games aus Berlin haben "Hier spielt Vielfalt" mitgezeichnet. 2016 noch als Fluffy Fairy Games in einer Studentenbude in Karlsruhe gegründet, wuchs das Mobile-Games-Unternehmen rasant und beschäftigt mittlerweile über 130 Mitarbeiter*innen aus 40 verschiedenen Ländern. Seit Februar 2020 sind Kolibri Games Teil von Ubisoft, aber weiterhin als unabhängiges Studio tätig.

Vielfalt ist ein Kernprinzip des Unternehmens, wie Marina Ivanović, Head of Recruitment, erklärt: "Wir verpflichten uns, allen Teammitgliedern gleiche Chancen zu bieten, unabhängig von Alter, Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit, persönlichem Hintergrund, sexueller Orientierung, Neurodivergenz, Behinderungen oder Überzeugungen." Neben flexiblen Arbeitszeitmodellen zeigt sich das auch an einem umfangreichen Code of Conduct, den alle Mitarbeiter*innen unterzeichnen müssen und an dem sie gemessen werden.

Kolibri Games verlässt sich nicht allein auf diese Unterschrift und lässt seine Angestellten dann mit dem Code of Conduct  allein. "Wir halten auch Workshops ab, die sich zum Beispiel mit Inklusion, der Reflexion unserer eigenen Vorurteile und der Sprache, die wir intern verwenden, der Einhaltung des Verhaltenskodex und dem Verhalten am Arbeitsplatz im Allgemeinen beschäftigen", führt Ivanović aus. Jede*r neue Mitarbeiter*in müsse an einem dieser Workshops teilnehmen.

Diversität beginnt bei der Stellenausschreibung

Wie lang der Weg noch ist, zeigt ein Blick auf die Zahlen. Auch wenn die Hälfte des Publikums von Videospielen weiblich ist, sind es nur ein Viertel in der Entwicklung – und das ist nur eine Ebene von Diversität, die in Statistiken erfasst wird. In der Gamesindustrie arbeiten im Vergleich zu anderen Industrien zwar überdurchschnittlich viele queere Personen, wie eine Umfrage zumindest in Großbritannien zeigt, allerdings sind diese eher selten in Entscheidungspositionen.

Um dieses Ungleichgewicht zu beseitigen, müsse schon von Anfang an auf "diskriminierungssensible Stellenausschreibungen" geachtet werden, empfiehlt der Diversity Guide des game. Der Verband selbst achte darauf, diese inklusiv zu formulieren, um Bewerber*innen auf unterrepräsentierten Gruppen anzusprechen, so Sabine Saeidy–Nory. Seit 2019 sind Unternehmen bereits dazu verpflichtet, Stellen geschlechtsneutral auszuschreiben.

Denn Solidarität mit einem Regenbogenlogo zeigen, ist nicht genug, um sein Unternehmen wirklich diverser zu gestalten. "Wenn es um Personaleinstellungen geht, sind wir uns der Tatsache bewusst, dass unbewusste Voreingenommenheit existiert und ein Teil von jedem von uns ist", benennt Ivanović von Kolibri Games das Problem. Ein hauseigenes "Diversity & Inclusion"-Team trage dafür Sorge, dass alle Themen rund um Vielfalt und marginalisierte Menschen angemessen behandelt werden.

Repräsentation kann mehr sein als Heldinnen, die Zombies töten
Die Heldin von Life is Strange: True Colors ist eine junge Frau, Asiatin, bisexuell – genau wie der Mensch, der ihr ihre Gesangsstimme leiht. Bis das selbstverständlich wird, ist es nicht nur in Videospielen noch ein langer Weg, sagt die Musikerin mxmtoon.

Außenwirkung nützt auch wirtschaftlich

Kolibri trägt diese Haltung auch nach außen und setzt bei den eigenen Spielen auf Vielfalt. Die Illustrationen der Charaktere sollen eine möglichst große Bandbreite an Figuren abbilden – Alter, Race, Gender – um der weltweiten Spieler*innenbasis gerecht zu werden. Diese Herangehensweise ist auch wirtschaftlich sinnvoll: Wer Spiele für alle machen will, muss alle in den Entwicklungsprozess einbinden. Damit das funktioniert und keine reine Gewissensberuhigung wird, hat das Studio einen weiteren Mechanismus etabliert. Regelmäßige, anonyme interne Umfragen und andere Feedbackmöglichkeiten sollen den Mitarbeiter*innen die Möglichkeit geben, angstfrei und ehrlich Kritik zu äußern.

Queere Menschen stoßen auch heute noch allzu oft auf Ablehnung, Diskriminierung und Ausgrenzung. Dass hinter wie vor den Kulissen durchaus einiges unternommen wird, um die Branche vielfältiger und einladender zu gestalten, ist erst der Anfang eines langen Prozesses. "Um eine wirklich einladende Arbeitsatmosphäre zu schaffen, ist es wichtig, intersektional zu denken und Alter, soziale Herkunft, Nationalität, Geschlechtsidentität, sexuelle Orientierung oder Religion als Faktoren in Ihre Diversity-Richtlinien aufzunehmen", sagt Marina Ivanović. Es gebe immer etwas zu lernen, zu verbessern. "Eine Sache, die Sie sich merken sollten, ist auch: Die Richtlinien sind nie fertig."

Was zählt sind also weniger die Regenbogenfarben in den Logos und einmal jährlich im Juni stattfindenden Sonderaktionen. Was zählt ist ein kontinuierliches, ehrliches Engagement, das zu systemischer Veränderung führt. Dazu muss man verstehen, dass Diversität mehr ist als ein Schlagwort. Es ist der Anspruch, in seinem Unternehmen auch die Vielfalt der Spieler*innenschaft abzubilden. Und das erreicht man nicht mit einer Unterschrift allein.

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