Sexarbeiter*innen sind Menschen – und sollten in Spielen auch so dargestellt werden

Sexarbeiter*innen wurden von Videospielen viel zu lange als entmenschlichte Objekte behandelt. Das ändert sich auch dank Indiegames.

Sexarbeiter*innen sind Menschen – und sollten in Spielen auch so dargestellt werden
Quelle: Hardcoded

"Na Süßer, wie wär's mit uns beiden?" Diese oder ähnliche Zeilen hört man heutzutage in Spielen regelmäßig – vor allem in den zahlreichen Clubs, Bädern und Bordellen, die sich aus Open-World-Settings kaum mehr wegdenken lassen. Doch Sexarbeit begleitet das Medium nicht erst, seit das freie Erkunden riesiger virtueller Welten zur Selbstverständlichkeit geworden ist.

Einen seiner ersten Auftritte hatte das älteste Gewerbe der Welt schon im 1982 erschienenen Cathouse Blues, dessen Entwickler Mystique wenig später durch den Skandaltitel Custer's Revenge in Verruf geraten und Bankrott gehen sollte. In Cathouse Blues schlüpften die Spieler*innen in die Rolle eines Junggesellen, dessen einziges Ziel es war, die Dienstleistungen weiblicher Prostituierter in Anspruch zu nehmen und derweil der Polizei sowie einem durch die Nachbarschaft schleichenden Taschendieb zu entkommen.

Nur wenige Jahre später hielt das Thema dann sogar Einzug in den Gaming-Mainstream: Während es in Zelda II nur angedeutet wurde – in Form einer rot gekleideten Frau, die Link in ihr Haus begleiten konnte, um seine Energie aufzufrischen – spielte es in Leisure Suit Larry in the Land of the Lounge Lizards sogar eine zentrale Rolle auf Larry Laffers Suche nach Sex und der großen Liebe. Die Sexarbeitenden selbst standen in all diesen Spielen jedoch nie im Zentrum, sondern waren bloße Statist*innen und Mittel zum Zweck.

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Sexy Getränkeautomaten im Strip-Club

Bedenkt man die lange Historie der Sexarbeit – in der realen wie auch in der virtuellen Welt – sollte man meinen, dass sich ihre Darstellung mit der Zeit verändert und verbessert hätte. Aber weit gefehlt: Denn obwohl digitale Spiele heute selbstverständlich komplexe Geschichten erzählen, vielschichtige Figuren anbieten und eine große Vielfalt von Themen verhandeln, scheint in ihren Rotlicht-Etablissements die Zeit stehengeblieben zu sein. Veraltete Klischees finden sich dort entsprechend zuhauf.

Die Sexarbeiter*innen werden auf ihre Arbeit reduziert, objektifiziert, und sind auf der Gameplay-Ebene nicht mehr als sexy Getränkeautomaten, in die man Geld einwerfen kann, um zur Abwechslung anstatt mit einem Heiltrank mit einer sexuellen Dienstleistung seine Lebensleiste zu füllen. Das Maximum an Handlungsmacht, das Stripper*innen, Prostituierten und Escorts in diesem Umfeld zugestanden wird, besteht aus einem kurzen Dialog mit angeschlossener Transaktionssequenz. Nicht selten jedoch wird ihnen selbst diese Andeutung von Agency genommen, nämlich dort, wo Sexarbeitende nur als Kulisse auftreten dürfen – mitunter leblos, in einer Blutlache liegend, um das düstere Setting eines Spiels zu unterstreichen.

Judy aus Cyberpunk 2077 ist ein Lichtblick im Spiel, das sonst auch Klischees bedient. (Quelle: CD Projekt)

Frauenleichen pflastern deinen Weg

Dieses fragwürdige Stilmittel nutzt auch Cyberpunk 2077, das Sci-Fi-Actionrollenspiel von CD Projekt RED. In dessen dreckiger Kulisse dient Sexarbeit in erster Linie dazu, die moralische Verkommenheit der Einwohner*innen von Night City zu unterstreichen. Immer wieder findet man in dunklen Gassen die Leichen leicht bekleideter namenloser Frauen, die nur mit einem lapidaren bis abfälligen Spruch kommentiert werden. Mit den "Dolls" gibt es in dieser dystopischen Zukunft sogar Sexarbeiter*innen, deren Persönlichkeiten und Erinnerungen mit jeder Session überschrieben bzw. gelöscht werden. Sie sind im wortwörtlichen Sinne Puppen, deren Körper nach Belieben benutzt werden dürfen.

Dem gegenüber stehen aber, und das überrascht, eine ganze Reihe von Figuren, die Hauptfigur V langfristig auf ihrem Weg begleiten und die als komplexe Persönlichkeiten mit eigenen Motivationen gezeichnet werden. Ganz vorne mit dabei ist Porno- bzw. "Braindance"-Produzentin Judy, die ein differenzierteres Bild von Sexarbeit zeichnet und sogar offen über Themen wie die Arbeitsbedingungen in der Industrie spricht. Figuren wie Judy oder ihre Kollegin Evelyn animieren dazu, Vorurteile über Sexarbeitende zu hinterfragen und sie als Menschen wahrzunehmen.

Das Indiespiel Hardcoded stellt eine utopische Welt sexueller Befreiung dar. (Quelle: Hardcoded)

Dystopie oder Utopie?

Das erotische Point-and-Click-Adventure Hardcoded, das ebenfalls in der Erzähltradition des Cyberpunk anzusiedeln ist, geht noch einen Schritt weiter: Zwar steht Sexarbeit hier nicht im Zentrum, aber mit der Androidin Joi trifft man bereits früh in der Rahmenhandlung auf eine Figur, die sämtliche Sexarbeits-Stereotype auf den Kopf stellt, obwohl sie mit ihrer riesigen Oberweite und ihrer großzügig als Kleidung bezeichneten Vakuumverpackung auf den ersten Blick nicht danach aussieht.

Doch unterhält man sich eine Weile mit ihr, entfaltet sich eine komplexe Hintergrundgeschichte und potenziell innige Beziehung zwischen ihr und Heldin HC. Hardcoded zeichnet ein unerwartet utopisches Bild von Sexarbeit, das einen spannenden Kontrast zum finsteren Setting bildet. Denn Joi geht ihrem Job freiwillig und sogar ausdrücklich gerne nach und auch HC kann sich mit sexuellen Dienstleistungen ein bisschen Geld dazuverdienen, ohne negative Konsequenzen fürchten zu müssen.

So werden Spiele über Sex aus dem Mainstream verdrängt
Kürzlich hat mit Game Jolt eine weitere Plattform sexuelle Inhalte gelöscht. Der Fall zeigt: Es gibt keinen sicheren Hafen mehr für Adult Games. Das hat drastische Auswirkungen auf das Medium an sich.
Vor welchen Herausforderungen Entwickler*innen stehen, die Sexualität in ihren Spielen ganz offen thematisieren und darstellen, hat Nina in einem eigenen Report berichtet.

Das ungenutzte Potenzial ist groß

Keine Frage, Sexarbeit hat auch Schattenseiten, von einer Utopie wie in Hardcoded ist die Realität weit entfernt. Übergriffigkeit und Ausbeutung sind in manchen Bereichen der Sexindustrie an der Tagesordnung – doch das gilt ebenso für andere Berufszweige. Während allerdings niemand auf die Idee käme, wegen der sklavereiähnlichen Ausbeutung von Näher*innen durch die Fast-Fashion-Industrie jede Schneiderin als potenzielles Opfer zu sehen und ihr sämtliche Selbstbestimmung abzusprechen, passiert im Kontext sexueller Dienstleistungen genau das.

Und dieses schädliche Vorurteil wird durch Medienbilder weiter gefestigt. Auch Spiele tragen bis heute massiv dazu bei, Sexarbeitende durch ihre Darstellung zu entmenschlichen und Gewalt gegen sie als normal darzustellen. Wenn wir – wie im gleichnamigen Assassin's-Creed-Syndicate-DLC – den brutalen Prostituiertenmörder Jack the Ripper spielen können, aber keine Prostituierten, läuft etwas gewaltig falsch.

Dabei sollte klar sein: Sexarbeiter*innen sind Menschen mit individuellen Beweggründen, Gedanken, Sehnsüchten, die einfach nur einem Job von vielen nachgehen. Und wenn ein kleiner, italienischer Klempner ein Videospielheld sein kann, warum nicht auch eine Stripperin oder ein Pornodarsteller? Das ungenutzte Potenzial spannender ent- wie ermächtigender Erzählungen rund um das Thema Sexarbeit ist groß. Das Interesse daran auch, wie die Reaktionen auf die wenigen Positivbeispiele zeigen. Von einer besseren Repräsentation würden also nicht bloß die Sexarbeiter*innen selbst profitieren, die schon lange eine Abkehr von den schädlichen Stereotypen fordern, sondern alle, die sich mehr Innovation im Gaming wünschen.

Dieser Artikel ist in der Sonderausgabe des Gee Magazin erschienen. Superlevel hat ihn mit Erlaubnis von Autorin und Redaktion für euch auch online veröffentlicht. Wenn euch dieser Text gefallen hat, unterstützt die Gee, indem ihr das Heft für 8,90 Euro kauft!

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